Katzendarmterror
Oct 28th 2009
Neulich in ‘nem Forum vier Bodentreter zum Kauf angeboten. Man nennt diese Gitarren-Effekte auch liebevoll “Tretminen”. Kurz darauf fand sich ein Käufer und als wir den Preis ausgehandelt hatten, lies er mich wissen, dass der Zaster unterwegs sei.
Da ich zur Zeit kein Internetbanking hab lass ich das heut Abend von nem Kumpel überweisen.
Der Betreff ist dann “Behringer Tretminen”. Also nicht wundern, falls da mein Name nirgens steht oder was weiß ich….
Und Mr. Sorglos-und-völlig-meschugge schrieb wirklich “Behringer Tretminen” in den Verwendungszweck. Und so warte ich nun gespannt, wann mir eine SEK-Einheit die Bude einrennt. Ich wollte ohnehin renovieren. “Tretminen” dürfte auf der Triggerwordliste ganz oben stehen - irgendwo zwischen Anthrax und Nagelbombe.
Ja, liebe Kinder - so landet man zielsicher wegen gottverdammten 40 Euro auf der ewigen Liste der Terrorverdächtigen.

Falls Sie, lieber Staatsschützer (m/w), über Umwege Dienstwege dieses Blog fanden: so sehen die Tretminen aus. Der Einsatz dieser Effekte fällt bei manchen Musikern gewiss auch unter die Genfer Konventionen, aber das ist eine andere Geschichte.
Google-Stasi
Oct 26th 2009
Es ist ganz gewiss nicht so, dass ich via GMail irgendeinen “serious bullshit” komunizieren würde. No way! Daher störte es auch nie sonderlich, dass Google aus Stichworten der Mailkommunikation Ads generiert und sie dezent irgendwo auf der GMail-GUI platziert. Im Grunde stelle ich mir gelungene, weil nicht nervige Werbung genauso vor. Ab und zu klicke ich sogar drauf und entdecke Zeug von dem ich in der Tat nicht wusste, dass ich’s brauche.
Aber das hier finde ich befremdlich

Liebe Suchgöttin, das ist zuviel der Synergie. Ich erklär’s dir mal:
Nr.1 (oben links): das ist irgendein Macker, dem ich vor Jahren mal einen Synthesizer verkauft habe. Ja, ich poste ab und an kleine Tutorials über Klangerzeuger auf YT, aber meine Abos suche ich mir selber aus.
Nr.2 (oben rechts): das ist der PR-Fuzzi irgendeiner Klitsche, die in MIDI-Controller macht, weißte. Wobei “PR-Fuzzi” übertrieben ist, denn der Laden ist ein Start-up. Wenn es von denen was Neues gibt, erfahre ich’s via Mail. Ich ersticke hier an Redundanz.
Nr.3: das ist ein Versandhandel aus Österreich. Die verkaufen ungeschnittene Computerspiele. Ich liebe deren Newsletter, weil sie immer wieder auf der deutschen Zensurbehörde rumreiten. Das ist offenbar deren Geschäftsmodell. Damals - als Konsolen-n00b - habe ich bei denen ein Game bestellt. Kurz darauf fand ich raus, dass einem auch heimische Versandhändler ungeschnittene Spiele verkaufen, kann man eine gewisse Volljährigkeit nachweisen. Das Spiel aus dem das Gameplay dieses eine Videos stammt, das ich mal bei YT zeigte, habe ich bei nicht bei den Ösis erworben, sondern hier. Daheim.

Danke, belassen wir’s dabei. “Freunde” haben nämlich meine richtige eMail-Adresse.
Werbung im Betriebssystem
Oct 22nd 2009
Among other disclosures, an operating system presents one or more advertisements to a user and disables one or more functions while the advertisement is being presented. At the end of the advertisement, the operating system again enables the function(s). The advertisement can be visual or audible. The presentation of the advertisement(s) can be made as part of an approach where the user obtains a good or service, such as the operating system, for free or at reduced cost.
Wer lässt sich sowas einfallen und patentieren? Apple! Vermutlich stellt die Kiste die Werbespots so lange via iSight auf Pause, bis man vom Pinkeln wiederkommt. Der Macianer druckt dann ein Selbstportrait aus und stellt’s im extra stylischen Rahmen (Alu, 79,95 bei Gravis) vor seinen Reklamac und denkt sich, “dem habbich’s aber gezeicht, doo!”
via fefe - der ganz treffend feststellt: Aber macht euch keine Sorgen: auch dieser Tiefschlag kann echte Apple-User nicht von Apple wegtreiben. Wir werden auch in 10 und in 100 Jahren noch was zu lachen haben.
Pfotenshop
Oct 22nd 2009
Das Internetz ist toll, man kann nicht nur allen möglichen Schund kaufen, man kann die Erzeugnisse, die man mit dem erworbenen Gelumpe produziert hat, auch im Web verscherbeln. So gibt’s z. B. für Foto/Grafiker, 3D-Künstler, Zeichner, ect. Plattformen wie deviantArt und Augensound. Dass Ähnliches auch für Handarbeiten existiert, erfuhr ich erst via Twitter, als einige Teilnehmerinnen einer solchen Community vom Hersteller einer Outdoorartikelmarke abgemahnt wurden. Jack Wolfskin - kannte ich als Indoorfan nur vom Hörensagen. Klingt irgendwie nach ‘ner Rechtsrock-Combo aus Sachsen-Anhalt oder Meck Pomm.

Anyway - Tatbestand der Abmahnungen waren u. a. gestickte Hunde- und Katzenpfoten, auf branchennahen Hardcore-Outdoorartikeln wie Sofakissen. Denn Pfoten jeder (?) Art hatte sich Jack London Wolfskin vor Äonen in duzenden von Kategorien als Bildmarke schützen lassen. Mir kam dieses Logo so dermaßen bekannt vor. Klar, die TAZ hat ‘ne Tatze, die Tazzer haben sie ursprünglich auch entwerfen lassen, versäumten aber, sie als Marke einzutragen und verloren später einen Prozess gegen Jack Wolfskin. Die Welt ist krank, wissen wir längst. Aber irgendwo war noch ‘ne Pfote. Nein, ich meine nicht Blackwater. Die haben ‘ne Pranke. Vom Bären. So ein Bär nimmt einen Wolf zum Frühstück.

Photenshop: einmal Pinselspitzen

zweimal “Form”
Das wirft mindestens eine Frage auf: wie legal ist Photoshop? Kann Wolfman Jack Adobe zwingen, diese Pinsel- und Form-Presets zu entfernen? Photoshop ohne Pfotenpinsel wäre wie Windows ohne Internet Explorer, aber Justizia ist grausam. Besitzer von Taschenmessern wissen das. Kann man sein Messerchen mit einer Hand öffnen, ist das Mitführen in Deutschland verboten. Man darf diese Werkzeuge nur noch daheim anschauen. Jacks Abmahnstunt führt nun zu einer ganz neuen Erkenntnis: Wer die Presets/Templates einer legal erworbenen Grafiksoftware nutzt, um das Ergebnis seines Schaffens gewerblich zu vertreiben, riskiert ‘ne Klage wegen Verletzung des Markenrechts. Angesichts solcher Absurditäten würde es mich nicht im Geringsten wundern, bekäme Adobe die entsprechenden Auflagen. Corel machte bereits 1996 Erfahrungen mit der deutschen Staatsanwaltschaft, weil ihr Vektorgrafikprogramm Corel Draw einige verfassungswidrige Clip Arts enthielt.
Mit Beschluß vom 19. 11. hat die Staatsschutzkammer des Landgerichts München der daraufhin erfolgten Beschwerde von Corel nur insoweit entsprochen, als die Beschlagnahme vorerst abgewendet werden kann, wenn Corel die Verpackungen der Software mit einem Aufkleber versieht, der folgenden Text zeigt: “Achtung! Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß die Software-Lizenzvereinbarung dieses Produktes die mißbräuchliche Verwendung der in diesem Programm aufgeführten digitalen Bilder und Kennzeichen untersagt.”
So einen Sticker wünsche ich mir auch für jede Software, die irgendwelche Presets oder Templates enthält, die nur ansatzweise Ähnlichkeit mit einer geschützten Bildmarke aufweisen. Denn das groteske Markenrecht ad absurdum zu führen heiligt jedes Mittel.

Nicht nur bei T-Shirtdruckern beliebt: die putzigen Clip Arts aus MS Office
2003 sorgte Microsoft mit einem Patch dafür, dass das Hakenkreuz aus dem Font “Bookshelf Symbol 7″ in Office 2003 entsorgt wurde. Der damalige Senior Vice President der Microsoft Office-Abteilung - Steven Sinofsky - entschuldigte sich später in einem offenen Brief für den Faux Pas. Und schon sind wir beim nächsten Kandidaten. Ich habe rund zweihundert solcher Dingbat-Fonts im Archiv. Das sind diese “Schriftarten” die statt Buchstaben und Zahlen irgendwelche Symbole, Figuren, Ornamente oder sonstwas enthalten. Windows enthält solche Fonts: Webdings und Windings. Beide sind pfotenfrei. Aber ein kurzer Blick ins Archiv reicht, um Markenrechtsverbrechen aus längst vergangenen Tagen hervorzuzerren.

Pfui Deibel: die Pfoten waren anno ‘95 bereits 13 Jahre geschützt

Ein Strauß voller Schöpfungshöhe: 10 kleine Markenschwerstverbrechen
Nun ist es allgemein bekannt, dass Fontdesigner seit eh und je klauen wie die Musiker Raben. Jeder kommerzielle, lizenzpflichtige Font von Adobe, Corel und Microsoft wurde hundertfach geklont, bestenfalls marginal mit einer gecrackten Version von Macromedias Fontographer auf einem raubkopierten Windows 95/98 verändert und unter neuem Namen gratis im Web verbreitet. Das ging so lange gut, bis jemand herausfand, dass man mit Fonts gutes Geld verdienen kann. Macromedia hatte Fontographer von Altsys übernommen und später an Fontlab verscheuert.
Ein Sounddesigner hatte Systemklänge für Windows XP mit einer Raubkopie von Sonic Foundrys Sound Forge bearbeitet. Sound Forge ging später an Sony, während Macromedia von Adobe gefressen wurde. Auch Apples Titelgenerator Live Type (ehemals Bestandteil von Final Cut Studio) stammt nicht wirklich aus der Feder von Apples Entwicklern. Das Programm existierte lange vorher unter dem Namen India Titler Pro. Die Jungs aus Cupertino kauften es auf, spendierten dem Programm eine neue GUI und verscheuerten die altbackenen Effektpresets als Neuheit. Jeder klaut bei jedem, jeder macht seinen Schnitt dabei - wie unermesslich lächerwiderlich es erscheint, wenn nun eine Klamottenklitsche einige Stickerinnen abmahnt, das lässt sich nur schwerlich in Worte fassen. Wie pervertiert ein Rechtssystem ist, das solche Spirenzien zulässt, erst recht nicht.

Yo Mädels, selbst eure Arschgeweihe gibt’s schon ewig als praktischen Dingbat-Font
Freilich steht man auch mit einem Bein im Existenzminimum, wenn man selbst entworfene T-Shirts bei Spreadshirt verscherbelt. Denn auch dort hat der Wolf bereits Blut gerochen. Es sei wirklich niemandem angeraten, in Deutschland mit kreativem Schaffen Eigeninitiative zu zeigen und sei es, um ein Zubrot zu verdienen, um wieder einen Monat über die Runden zu kommen. “Geht Spargel stechen oder bettelt beim Staat um Almosen.” Genau das ist die Botschaft, die der Gesetzgeber mit jedem dieser Abmahnfälle mit Nachdruck gebetsmühlenartig wiederholt. Ein simples Template aus einem Grafikprogramm kann einen in Teufels Küche bringen. Das muss man erstmal verdauen. Auswandern bringt vermutlich auch nichts, denn größenwahnsinnige Unternehmen gehen der Menschheit global auf den Sack. Was definitiv fehlt, ist eine offzielle Blacklist von Firmen, die im Abmahnwesen bereits negativ auffielen. Deren Produkte und Dienstleistungen gilt es zu boykottieren. Nicht nur ein paar Wochen, sondern so lange, bis sie vom Markt verschwunden sind.
Kinetische Energie fotografieren
Oct 9th 2009
Am Anfang war der Quirl.

Der Quirly findet seinen Einsatz beim Aufschäumen von DosenKondensmilch. So kann man auch in der abgefucktesten SAGA-Wohnung so tun, als säße man beim Edel-iTacker droben in Blankenese. Viel spannendere Möglichkeiten fielen mir ein, wäre ein kleines Sägeblatt dran, aber lassen wir das.

Schau an, es dreht sich.

Wegen der Unwucht lässt sich die Bewegung mit einfachen Mitteln auf den Sensor bannen.

Zumindest wenn die Kamera über Langzeitsynchro verfügt.

Canons G7 kann das und hebt sich so von der handelsüblichen Kompaktknipse ab. Die Kamera blitzt, was bekanntlich nicht allzulange dauert. Quirlys rotierende Spirale ward eingefroren. Der Verschluss bleibt aber noch eine Weile geöffnet, so dass auch die Schlingerbewegung noch auf dem Sensor landet. Viel Umgebungslicht aus div. 500W-Strahlern kann helfen. Da die Langzeitsynchro nur im P(rogramm)-Modus zur Verfügung steht, sorgt das - mehr oder weniger - zielgerichtete Strahlerlicht für verschiedene Belichtungszeiten.
Perlen für die Säue
Oct 9th 2009
Der Newsletter von Pearl weckt immer wieder Begehrlichkeiten. In ihrer aktuellen Reklameschrift offerieren sie einen wirklich winzigen Camcorder. Die Einsatzgebiete des Filmstifts sind mannigfaltig:
- Vorstellungsgespräch
- Termin beim Bewährungshelfer
- Wohnungsbesichtigung
- Arzttermin
- Date mit irgend ‘ner Schlampe
- Einkauf im Sexshop
- vertrauliche Gespräche mit irgendeinem Arschloch, dem man dringend auf YT einen reinwürgen möchte
Da die Youtube-Demos der Somikon-Produkte den Eindruck von verbesserungswürdigem Krempel hinterlassen, lohnt ein Blick zur Konkurrenz, so es denn eine gibt. Im Camcorder-Blog findet der Filmchenschaffende stets ein paar nette Pressemeldungen zu den aktuellen Erzeugnissen japanischer Gadget-Manufakturen. Von Sony gibt’s einen kleinen Neuling. Das Ding sieht aus wie ein Handy ohne Handy und filmt in HD wie mein N95 in VGA: sehr ernüchternd.
Größer, teurer und heiß ersehnt war die JVC GZ-HM400. 1080p (of course) und Aufnahmen mit 600 Frames per second. Das Ganze für knapp unter 1000 Euretten. Ein Traum sollte wahr werden. Und in der Tat, die JVC liefert ihre Zeitverbrechen im 1080er AVCHD-Container aus. Je höher die Framerate, desto kleiner ist das schwarz umrahmte Bild. Die Filmchen sehen schon bei 120fps fragwürdig aus und bei 300fps schlicht grauenhaft. Die Qualität einer 600fps-Aufnahme kann man getrost als Beleidigung bezeichnen. Und so wird dem Zeitlupenfan die bittere Erkenntnis zuteil, dass man für gute HiSpeed-Aufnahmen auch heute noch einen höheren vierstelligen Beitrag investieren muss.
User generated bullshit
Oct 6th 2009
Nein, ich möchte nicht in nostalgisch wertfreie Ewig-Gestrigkeit verfallen. Das Meiste war früher schlicht anders scheiße. So empfand man z. B. das TV-Programm als weniger verblödend, kein Wunder, es gab nur 3,5 Sender. Heute gibt’s derer 35 und sie übertreffen einander in ihrer Einfallslosigkeit. Die kleine schwachsinnsfreie Insel ARTE weicht des nachts auf der Kabelfrequenz einem schmerzbefreiten Spartensender namens “Bibel-TV”. Dem Herrn sei dank, dass ARTE auf DVB-T unbekümmert weitersendet. Denn die Privaten wiederholen zu diesen unchristlichen Zeiten die Wiederholungen ihrer zuschauergenerierten Erbärmlichkeiten. Und so können wir irgendwelchen Dullies beim Garten umgraben zusehen, von bedeutungslosen F-Promis kochen lernen und süße Zootierbabies beim Scheißen bewundern. Vorbei die Zeit als die Sielmanns und Grzimeks ins ferne Afrika düsten und das Viehzeuch artgerecht vor Ort filmten.

Mach es wie die Taschenuhr, zähl die dunklen Stunden nur
Die Werbebranche hat längst begriffen, dass kreativitätsbereinigte Sendeverbrechen vom Kaliber “Wie renoviere ich mein 35qm-Wohnklo” oder “Schwachkopf tauscht dämliche Schlampe gegen hässliche Planschkuh” bestenfalls Einzeller mit nicht vorhandenem Einkommen vor die Glotze locken. Und so passiert es, dass selbst nächtliche Spielfilmwiederholungen gar nicht oder nur kurz - um den Anschein zu wahren - von der Eigenwerbung der Sender unterbrochen werden. Einige besonders “mutige” Schwallstrahler ersetzen die abhanden gekommenen Werbeblöcke durch Mini-Versionen ihrer berüchtigten Call-in-Shows. Werbefreie Spielfilme erfreuen freilich den nachtaktiven Gelegenheitszapper, aber die Abwesenheit der Reklame zeigt, dass die Abwärtsspirale nicht aufzuhalten ist. Das Privatfernsehen demonstriert mit seiner unsäglichen Prekariatsbespaßung allzu deutlich, dass es eine Zielgruppe ohne Kaufkraft bedient, und die Zwangsgebührenfinanzierten kopieren diesen entsetzlichen Ausschuss aus unerfindlichen Gründen mit ihren armseligen Eigenproduktionen. Das duale Rundfunksystem unterbietet das Mittelmaß und die Kompassnadel zeigt weiter gen Süden. Das gönn’ ich denen!

TV banal: die Faszination, sich selbst beim Sterben zuzusehen, scheint ungebrochen
Das Printmedium, von nativ-digitalen Rand-Existenzen verächtlich als “Holzpresse” ver(un)glimpft, sieht ebenfalls einer frostigen Zukunft entgegen. Die Online-Ableger der Magazine holzen eifrig im real existierenden Blätterwald und der Leser fragt sich zu recht, warum für etwas zahlen, das in digitaler Form bereits Tage früher gratis und gut sortiert im Web herumflattert. Einige Online-Redaktionen versuchten vor zwei, drei Jahren in einem Anflug von 2.0-Hippness Userblogs zu etablieren und flogen mit dem zaghaft generierten Leser-Nonsens auf Beepworld-Niveau längsseits auf die Fresse. Mainstream-Verleger Burda fand unlängst in Google den Schuldigen für den schleichenden Niedergang. G+J entließ einige hundert Mitarbeiter, legte effizienz-versessen die Redaktionen zweier Finanz-Gazetten zusammen und erwirtschaftete dennoch weniger Gewinn. G+Js altgedientes Altweiber-Schlachtross “Brigitte” geht nun ganz neue Wege. Für die Modefotostrecken will das Blatt fortan die eigenen Leserinnen rekrutieren. Man wolle - so heuchelt man - ein Zeichen wider die Magersucht der professionellen Models setzen.

Wer in einem blühenden Frauenkörper das Skelett zu sehen vermag, ist ein Philosoph. (Kurt Tucholsky)
Ach Gottchen. Zum einen besteht das “Problem” der bulimischen Schleichkatzen seit Dekaden. Zum anderen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dort draußen keine einzige Agentur existiert, die Damen mit einer Konfektionsgröße über 38 unter Vertrag hat. Es ist zu offensichtlich, dass man sich just in dem Moment auf die natürliche Schönheit der Verwaltungsangestellten aus Bottrop besinnt, in dem die Liquidität des Verlags so rasch vertrocknet wie das Bindegewebe der Zielgruppe. “Brigitte” wird möglicherweise einen ähnlichen Weg gehen wie Pro7Sat1RTL und mit Leserinnen-Footage endgültig zur Matronen-Postille verkommen. Ich warte gespannt auf die ersten Knips- und EBV-Kurse im Blatt und auf der Webseite, denn irgendwann wird vermutlich auch das Budget für eigene Fotografen eingespart. Mode verkauft Illusionen, die Illusionen einer Perfektion die unerreichbar bleiben muss. Träume setzen Wünsche voraus und ob man mit Luise aus Castrop-Rauxel Begehrlichkeiten generieren kann, sei dahingestellt. Für den ernüchternden Reality Check sorgt bereits das Prekariatsfernsehen. Die Medienlandschaft quillt vor lauter unansehnlicher Alltagsnormalität geradezu über. Wollen wir für G+Js Wöchnerinnenblatt hoffen, dass einige Krümel auf dem Kuchenteller bleiben und dass Mama Bottrop bereit ist, für den langweiligen Arsch der Nachbarin auf Hochglanz ein paar Euretten abzuzwacken. Denn das Letzte das die Welt Hamburg braucht, ist ein Rudel freigestellter Redaktionsschranzen vom Baumwall.

Let’s have some fun - this beat is sick - I wanna take a ride on ya disco stick
Auch Musik verkauft Illusionen. Einigen reicht der Traum, sich einmal im Leben von irgendeinem Star rammeln zu lassen, andere träumen von einer eigenen Karriere, um irgendwann ein lebloses Groupie zu vögeln. Die Instrumenten-Branche bedient letzteren Markt. Nie zuvor war es einfacher, mit geringen finanziellen Mitteln bedeutungslosen Content zu realisieren. Ein toller Zeitvertreib ist’s obendrein, denn hat man eine Software ansatzweise begriffen, erscheint eine neue Version, die ersteinmal erlernt werden will und im Idealfall die Kompatiblität mit dem neuen Betriebssystem des Rechners verweigert. So bleibt der Fachjournallie Raum, um mit Workshops und lieblos regidierten Pressemeldungen die schwindenden Anzeigen zu kompensieren und der User findet genügend Gründe, nicht ernsthaft produktiv mit dem ganzen Gelumpe arbeiten zu müssen. Denn selbst wenn das Bananenprodukt irgendwann ordnungsgemäß läuft, es strömen stetig neue Gadgets, Plug-ins und Add-ons in den Markt, die es zu aquirieren und zu beweihräuchern gilt.

Dennoch geriet auch die papier-gestützte Schrammler-Fachpresse im Fahrwasser der Tonerzeuger-Branche und ihrer unheiligen Peripherie ins Schlingern. Das Internet mit seinen Foren, Blogs und Terabytes von kostenlosen Tutorials in Text- und Videoform setzte den Muckerblättern zu und sorgte hie und da für Umstrukturierungen im Portfolio. Einige Magazine bedienen zum Selbstkostenpreis eine Nische, andere fassen mehrere Nischen zusammen und bieten mit der obligatorischen Heft-CD voller Krempel einen allerletzten Kaufanreiz für die übriggebliebenen Modemsurfer in infrastrukturell suboptimierten Agrar-Regionen. Im deutschsprachigen Raum gibt es ein halbes Dutzend nennenswerter Webseiten, die den Markt der Audio-Prosumer schneller und gezielter bedienen als gedrucktes Schriftenwerk das ohne die Möglichkeit der Interaktion je könnte. Doch auch dort fängt man nun an, User-Content in den redaktionellen Prozess zu integrieren. So “fusioniert” das Blogdingens Musician’s Life mit dem Forenportal “Homerecording” zu einem Gebilde namens Recording. Ziel der Übung: aus den Beiträgen der Homerecordler verwertbare Artikel basteln. Von RTL2 lernen, heißt siegen lernen!
Runderneuert sind die Bereiche Songvoting, Chartshow und Produktbewertungen. In den kommenden Wochen werden wir RECORDING.de noch um Termine und Kleinanzeigen erweitern
Chartshow, huh? Keine Klingeltöne? Ich bin gespannt, wann die Fotolovestory kommt. Man könnte auf der nächsten Musikmesse irgendeinen Kellerfrickler authentisch einwandfrei mit einer semi-attraktiven Marken-Animöse verkuppeln. Mr. Keller friemelt mit künstlerisch wertlosen Apple-Loops einen triefigen Lovesong zusammen, das kurzberockte Messehuhn schmilzt dezent choreografiert dahin und irgendein quasi-ehrenamtlicher Redaktionshansel filmt den Schmu mit dem neusten Camcorder von Sony. Editiert wird die Seife mit Adobe Premiere Elements und fertig ist das Youtube-gerechte Product Placement.
Grundgütiger Gott, wenn ich einen Wunsch frei habe, dann ist das ein Web 3.0 mit dem Geist von ‘97. Bis es soweit ist, werde ich besser meine DVD-Sammlung aufstocken und die Anschaffung einer dieser flachen Plasma-Glotzen ernsthaft in Erwägung ziehen.




