Verschissen in Rissen
Dec 8th 2009
Will man aus dem Osten kommend Hamburgs Westen besuchen, steht eine kleine Reise durch Altona an. Altona ist einer der sieben Hamburger Bezirke und ebenso ein eigenständiger Stadtteil mit eigenem Bahnhof, eigener Kultur und einer vielversprechenden Bar-Szene. Vor allem jedoch ist das ganze Kaff im Kaff eine einzige Tempo-30-Zone, weil die Insassen - Körnerfresser und uniformierte Aushilfspunks - zu antiautoritär sind, um ihre Bälger ordnungsgemäß auf den Straßenverkehr vorzubereiten. Doch der Verkehrsgott war gnädig an jenem Morgen. In Altona durfte ich zum ersten Mal im Leben einen Typen dabei beobachten, wie er die Scheiße seiner Töle aufsammelte und in einem schwarzen Säckchen fortschaffte. Es gibt Tage, da liebe ich selbst rote Ampeln. Die sind in Altona so geschaltet, dass unter keinen Umständen eine “grüne Welle” entstehen kann. So ist gewährleistet, dass der verhasste Verkehrsteilnehmer mehr bremst als fährt - der Kinder wegen.
Hat man dieses Habitat alternativer Lebensformen erst einmal durchquert, wird das Auge reich belohnt.

Sonnenaufgang in Rissen: nirgends auf der Welt lässt sie sich soviel Zeit beim Aufstehen
Nach elend langen Chausseen landet man in Sülldorf. Ja, das reimt sich auf Mülldorf, ist aber das exakte Gegenteil. Hier leben die guten Menschen, oder zumindest die besseren. Als Hamburger Ossi erlebt man während der Durchreisefahrt den ersten Kulturschock, den Blankenese - eines der hochgradig versnobten Nachbarviertel - später noch toppt. Es ist das, was sie in eloquent verfasster Belletristik Vorstadthölle nennen. Nicht im Sinne von L.A. South Central und den hinreissenden Favelas in Sao Paulo, sondern der krankhaften Phantasie einer doppelnachnamigen Fernsehproduzentin dieser entsetzlichen öffentlich-rechtlichen Soaps entsprungen. Alles ist so schön, so geleckt und harmonisch, dass man kotzen möchte. Andererseits wirkt es so hilf- und leblos, dass man vor lauter Mitleid fast vergeht. Über die Straßen huschen Früh- und Spätrentner im Wolfskin-Partnerlook, die Architektur hatte seit der Kohl-Ära kein Update.

Ein Industrie-Minarett bricht jäh den Flow aus Pferdekoppeln und spärlich asphaltierten Feldwegsimulationen
Die ufernahe Gegend elbaufwärts ist übersät mit kleinen Anlegern und Wanderwegen. Dort trifft man in aller Herrgottsfrüh auf echte Nordic Walker. Arme Teufel, die keuchend über die Löcher in ihren Aktiendepots schwadronieren, oder verhärmte doppelnachnamige Scheidungswitwen, die ihren Söhnen präventiv mit Vornamen wie Malte-Hubert-Hutschefidel das Leben versauen. Einst mit einem Stock im Arsch bei einem drittklassigen Fernsehsender hochgevögelt, fand man sich plötzlich mit einem Braten in der Röhre zurück auf dem Teppich. Nun kraxeln sie mit Stöckchen in der Einöde herum. Die Rache am Manne sei ihnen vergönnt. Ich hätte schwören können, dass diese Gattung eine Erfindung des Privatfernsehens ist, eigens erdacht für die zutiefst befremdlichen Eigenproduktionen, die die zwangsgebührenfinanzierten “Anstalten” seit Jahren erfolgfrei kopieren. Aber nein, in Rissen trifft man sie in freier Wildbahn. Der Nordic Walker ist real existent und erfüllt in Punkto Erscheinungsform jedes Klischee.

Die heimlichen Herrscher: Flugratten

… in allen verfügbaren Formen und Farben

Sag zum Abschied leise “Verpiss dich” - ein- und auslaufende Schiffe bekommen in Form ihrer zuständigen Nationalhymne den Marsch geblasen. Wer da wohnt, dürfte ob der Klangkulisse dem Wahnsinn recht nahe sein.

Die abgetakelten Fregatten Schiffe sind dem Ufer so nah, dass man sie anspucken könnte, oder Schlimmeres. Bemerkenswert, dass sie in Zeiten des Terrors noch keine Umgehungselbe gebaut haben, oder zumindest das Umfeld standesgemäß überwachen, schützen und abriegeln. Vermutlich fühlen sie sich sicher. Man kann stundenlang durchs Gebiet kreuzen, ohne einer Polizeistreife - ob beritten oder modern, mit Verbrennungsmotor - zu begegnen. Andererseits gibt’s aber auch nichts, was Hamburgs Wessi fürchten müsste. Es gibt keine Dönerbuden, keine Tankstellen und die Kneipen haben plattdeutsche Namen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt’s nicht einmal ein Mc Donald’s dort droben im Westen.

Daher ab nach hause, zum Tor zur Welt.
Doch, gibt’s: In Wedel haben “wir” nicht nur einen McDonald’s, sondern auch einen “Burger King”. Nebenbei habe ich hier auch schon Polizisten gesehen.