Schlaflos in Norderstedt

Apr 8th 2010

Nicht, dass ich nun ganz furchtbar dringend ein neues Handy brauchte, mein N95 stand noch gut im Futter. Es diente 2.0 Jahre lang mehr oder weniger als Festnetzersatz, entsprechend neuwertig und unverbraucht sah es aus. Aber ich bin in meinem virtuellen Umfeld von Snobs umgeben, da ist man als Nutzer einer widgetlosen Handquäke schnell als hochgradig prekärer Presettelefonierer verschrien.  Also schickte ich Nokias Business-Phone auf die Suche nach einem neuen Herrchen, während ich nach einem neuen multimedialen Jackentaschenbewohner Ausschau hielt.

Shit happens - weis ein angelsächsisches Sprichwort. Da ist viel Wahres dran. Genau einen Tag nachdem sich mein gutes N95 einen neuen Besitzer auserkoren hatte, überraschte Nokia mit einer News, die die Aktien der Navi-Hersteller in den Grundfesten erschütterte: die Ovi-Maps gibt’s fortan für lau für die hauseigenen Symbian-Geräte mit inkludiertem GPS-Empfänger. Dumm gelaufen. Aber ich trug es mit Fassung, denn ich liebäugelte mit einem Androiden, genauer: dem Samsung Galaxy Spica i5700.

Der Wunsch wäre beinahe schneller in Erfüllung gegangen, als der Käufer meines N95 “PayPal” hatte sagen können. Ich fand beim berühmt-berüchtigten Auktionshaus eine Sofortkaufauktion. Die Verkäuferin kam aus meiner Stadt und so schickte ich via Buchtfunk eine Nachricht mit zwei einfachen Fragen:

  • hat das Gerät ein Branding?
  • kann ich es bei Barzahlung abholen?

Ohne auf die Antwort zu warten begab ich mich in die Konsumzentren unserer Stadt, um das Objekt der Begierde einmal in Augenschein zu nehmen. Natürlich war es nirgends verfügbar.  Das war nicht verwunderlich, denn das Spica war noch recht jung. Das erste richtige Aha-Erlebnis hatte ich bei “Conrad”, einer Art Nerd-Supershop. Dort musste ich den Fachverkäufern der Mobilfunkabteilung erklären, was es mit Android auf sich hat. Ich war ernüchtert, zum einen was den Bekanntheitsgrad dieses Systems angeht, zum anderen, was heutzutage als Fachverkäufer durchgeht. Rastlos suchte ich in einem Einkaufszentrum in Hamburgs Osten vier Telefonläden auf. Zwei der vier Verkäufer kannten Googles OS, die andere Hälfte musste passen. Niedergeschlagen schlug ich den Heimweg an. Kaum daheim, fuhr ich das taiwanische 17″ Brikett hoch, um bei Twitter ein paar Weltuntergangslinks zu sammeln. Doch siehe da, die Auktionatorin hatte sich gemeldet.

“Nein, das Gerät hat kein Branding und ja, Sie können es abholen.”

Fein! Ich mailte ihr meine Telefonnummer und harrte des Anrufs. Eine halbe Stunde später klingelte es und wie sich herausstellte, konnte ich die Dame in der entfernten Nachbarschaft eingliedern. 100m Luftlinie. Droben im 4. oder 5. Stock angekommen, fand sich tatsächlich ein nagelneues Spica. Ich fragte, ob ich’s kurz testen könne, um sicherzustellen, dass das Gerät wirklich kein Branding hat, denn sowas ist nervtötend und wertmindernd. “Nö, dann isses ja nichmehr neu und wenn se es dann doch nicht nehmen …” In diesem Augenblick schlich sich bereits der Gedanke ein, dass ich ohne androidische Begleitung heimgehen würde. “Naja, Sie haben ja sicherlich die Rechnung. Möglicherweise kann ich daraus erkennen, ob das Gerät ein Branding hat.”

Zusehends nervös werdend murmelte sie: “Ja, sicher.” Und dann fing sie an zu suchen. Selbstredend erfolglos. Wie sich während des Gesprächs herausstellte, hatte sie obendrein Branding mit einem Simlock verwechselt. Sie wusste also weder, was es mit dem Gerät auf sich hat, noch fand sie dessen Rechnung. Und so empfahl ich mich und machte ich mich auf den langen Weg nach Hause - ohne das Spica. 100m Luftline, 300m Fußmarsch auf knochenhartem Eis.

Tags drauf fand ich eine Kleinanzeige. Ein anderer Vertragsverlängerer wollte sein überschüssiges Omnia Pro loswerden. Der Preis war heiß und ich habe Telefon-Betriebssystemen gegenüber keinerlei Vorurteile, selbst wenn es Windows Mobile heißt. Also fuhr ich ohne Navi oder Ovi-Maps gen Norderstedt - und landete unweit der dänischen Grenze. Nach ausgeprägter Suche fand ich den konspirativen Ort und nach einem kurzen Check übernahm ich ein nahezu neues Omnia Pro zum Preis eines gebrauchten Netbooks. Und nun weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Die Form ist dermaßen ans iPhone angelehnt, vor zwei Jahren hätte sich Samsung deswegen eine Klage eingefangen, wegen Verletzung der Intelectual Rights. Heute jedoch sieht  fast jedes Touchscreen-Handy so aus.

Das Samsung hat in etwa die vierfache Leistung meines ersten PCs. Mein allererstes Notebook war ebenfalls von Samsung, es hatte eine CPU mit seinerzeit sagenhaften 800 MHz. Das passt jetzt in ein Handy. Das Omnia hat obendrein die doppelte Ladung RAM. Nur der eingedampfte Massenspeicher ist mit 1 GB etwas dünner. Weshalb die koreanische Taschenquäke “Business-Handy” geschimpft wird, erschließt sich dem Nutzenden, sobald er sich durch die Desktops wühlt. Office ist komplett vertreten, selbst mein geliebtes OneNote. Eine Art kleines MS Paint ist dabei. Man kann Notizen anlegen und mit dem Stift Stylus darin rumschmieren und dergleichen mehr. Widgets gibt’s freilich auch, von Flickr bis Facebook, von Google bis Yahoo, alles was an sozialer Poserei Rang und Namen hat, ist aufgeführt.

Radio kann man freilich mitschneiden und gäbe es hörenswerte Sender, wäre das eine Killerapplikation. Telefongespräche kann man ebenfalls aufzeichnen. Diese sinnvolle Funktion namens Call-Recording sucht man bei Android (noch?) vergeblich. Für Nokias S60 gibt’s kostenpflichtige Anwendungen. Das Omnia Pro nutzt einfach den vorinstallierten Voice-Recorder für diesen Job. Leider bewegt sich Call-Recording in vielen Ländern in einer rechtlichen Grauzone, denn gewiss kann man mit der Funktion auch böse Scherze treiben. Aber hey, das kann man mit einem spitzen Bleistift auch.

Nachdem die Auspackzeremonie dokumentiert war, wollte das Gerät freilich erkundet werden. Da ich noch keine Daten-Flat habe, war der erste logische Schritt das Einrichten des Netzwerks. Ich habe selten soviel geflucht. In jener Nacht erfand ich eine hohe zweistellige Zahl brandneuer Schimpfwörter. Es waren gewiss etliche dabei, die Googles Nexus One automatisch zensiert. Das Samsung sah ich bereits beim nächsten Besitzer. Aber man hat ja Sportsgeist. Zumindest musste ich herausfinden, ob ein Hardwarefehler vorlag, ehe ichs an den Meistbietenden verschachern konnte. Wie sich letztendlich herausstellte, unterbinden manche Provider den Zugang via WLAN, weil sie über die teure GPRS-Verbindung einen Haufen Geld verdienen wollen. Also probierte ich’s mit einer anderen Karte und siehe da: Yes, it can the wireless LAN!


Servicewüste Mobilfunk


und die Antwort darauf

Der Ärger verpuffte so langsam, wie sich die Webseiten aufbauten. Der Windows Marketplace war nicht zu erreichen und zahlreiche andere Seiten starben am Time Out. Ein WinMobile-Gerät ist kein iPhone, das wurde mir immer klarer. Aber dennoch war mein Interesse am Omnia geweckt. Immerhin ist neben einem Office-Paket auch jede Menge anderes Gedöns auf dem kleinen internen Speicher. Und so ging die Entdeckungsreise weiter. Das erste Fundstück war Bubble Breaker, ein Klassiker unter den Denkspielen, bereits seit Windows Mobile 5.0 in Dienste des Hirnjoggings tätig. Das kostete mich eine halbe Nacht. Ich liebe diese kleinen Casual Games.

Nachdem ich eine spannende Musik.app für WinMobile gefunden hatte, lies ein Musikerkollege von seiner neusten Errungenschaft hören: ein iPhone. Er wird sich gewiss über die geschätzten drei Trilliarden Musik-Apps fürs iPhone freuen, während ich die die Angebote für Windows Mobile an einer Hand abzählen kann, selbst wenn ich den Daumen weglasse, weil ich ihn zum Peilen der Kompatiblitätsliste brauche. Das iPhone hat den Markt derart aufgemischt, dass selbst das rennomierte US-Magazin “Smartphone & Pocket PC” im August 2008 die Segel strich und später als “iPhone Life” wiederkehrte. Viele der kleinen Anwendungen für PDA und Pocket PC stammen noch aus Zeiten als Windows Mobile 5.0 aktuell war, sehen entsprechend aus und sind mit aktuellen Geräten nicht kompatibel. Viele Softwareschmieden aus jener “Epoche” sind vom Markt verschwunden oder konzentrieren sich auf das iPhone. Kein Wunder, dass die schreibende Zunft nachzieht.

Dennoch, nach einem Quartal mehr oder weniger intensiver Nutzung finde ich den kleinen Taschenrechner recht gelungen. Die 5MP-Kamera muss sich zwar hinter der des N95 aus dem Jahre 2006 (!) verstecken und der Touchscreen macht ohne den Stylus wenig Spaß, aber was es kann, das kann es gut. Das Omnia Pro ist vielleicht noch kein Micro-Netbook mit eingebautem Telefon, aber fast schon ein MID.  Gute Arbeit, Samsung!

Spieltrieb

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