Ich seh’ in 3D

Jul 25th 2010

Wir schreiben Juni 2010, erster “Schultag”. Mit drei weiteren Teilnehmern betrete ich den Schulungsraum. Drei Tischreihen mit je vier Plätzen dominieren das Zimmer. Jedem Einzelplatz steht ein PC mit zwei 22″-Monitoren zur Verfügung. ‘Sieht ja ganz ordentlich aus’, denk ich mir. Später erklärt der Geschäftsführer, dass wir erst nach dem ersten Lehr-Modul - Freizeichnen - Zugriff auf die Maschinen haben werden. Ausgerechnet Zeichnen, wenn ich zeichnen könnte, würde ich keine achtstelligen Summen für Kameras und Peripherie ausgeben, Herr J. nochmal.

Nach dem obligatorischen Einweihungszeremoniell stellt sich der Dozent für “Freizeichnen, AutoCAD Architecture und After Effects” vor. Sympathischer Typ, Anfang 40, mit Architekturstudium und -erfahrungen gesegnet. Hat drunten in Hannover beachtliche Projekte gestemmt, verrät Google. Nun unterrichtet er N00bs in Architektensoft. Das Leben geht mitunter seltsame Wege. Adobes After Effects und Premiere hält er “für das selbe Zeug”. Premiere wurde wegen des tight gesteckten Lehrplans von selbigem gestrichen. Meine Frage, wie man mit After Effects schneidet, verhallt unbeantwortet im Raum. Vielleicht gibt’s ‘ne Art Autocut? Ich beschließe, das selbst herauszufinden, um irgendwann wohldosierten Spott platzieren zu können.


Möglicherweise gibt’s auch ‘ne App dafür

Modul Freizeichnen hält, was es verspricht. Ich bin völlig frei von zeichnerischem Talent und nehme mir folglich die Freiheit, unmotiviert ein paar freie Striche aufs Papier zu kritzeln. Etwas entartete Kunst entsteht. Adolf hätte mich dafür an die Wand gestellt. Die Freiheit, dem Nächstbesten den Hals umzudrehen, um etwas Spannung ins Geschehen zu bringen, unterdrücke ich mit aller Macht. ‘Heb dir das für später auf, dann hast du mehr davon’, rät Chong Li, mein wǔ shù jiā in Albträumen mit Martial Arts Content.


Angewandte Hundepsychologie: Leckt mich alle!

Wie sich herausstellt, soll die Anzahl der Teilnehmer wachsen und so sind wir im Laufe der Woche irgendwann zu siebt. Ein Kandidat, der sich anbietet, ein paar Würgetechniken aus Krav Maga zu testen, ist noch nicht dabei, doch das wird sich ändern, denn wir erwarten weiteren Zuwachs. Zwischendurch verteilt die Geschäftsleitung Fragebögen, man will ein paar Einzelheiten über die Teilnehmer erfahren. Unter anderem sind auch unsere “Hobby’s” von Interesse.

Holy fucking shit! Das ist eine gottverdammte Bildungseinrichtung und die pluralisieren mit Apostroph!

Meine Bereitschaft, irgendetwas sonderlich ernst zu nehmen, sinkt spürbar. Chong Li hatte wieder einmal recht. Nach 11 Tagen, die mir so lang vorkommen, wie die Phase zwischen Jura und früher Kreidezeit, neigt sich das Modul “Freizeichnen” dem verdienten Ende zu. Während der Frühjura zerfiel Pangaea, der Superkontinent. Ich entdecke gewisse Parallelen zu meinem Nervenkostüm, zu meinen Erwartungen - und zu Marvin, dem depressiven Roboter aus Doug Adams “Anhalter”. Zum Glück bleibt wenig Zeit zum Resümieren, denn weiter geht’s mit “AutoCAD Architecture”. Hurra, endlich Software! Wir dürfen die Rechner hochfahren.

Nach dem obligatorischen Netzwerkanmeldeprocedere geht mein erster Weg in die Systemsteuerung. Verbaut sind in den nagelneu anmutenden PCs ein Intel Quadcore der vorletzten Generation, also kein Core i5 oder gar i7, sondern ein Q8400. Als noch ernüchternder erweist sich die Grafikkarte, eine betagte GT 9500. Ich bin auf die Renderzeiten gespannt und sarge die Vorstellung, mit den Dingern Animationen zu realisieren, präventiv ein. Die Kisten laufen auf Vista Biz 64 mit 4 GB RAM. Wochen später erfahren wir, wer die PCs zusammenstellte: die Marketinglady aus der hannoverschen Zentrale. Zu unserem Trost gesteht sie ein, dass sie von Hardware “eigentlich gar keine Ahnung” hat.

Im Rockjournalismus basteln Leute, die nicht schreiben können, aus Interviews mit Leuten, die nicht reden können, Geschichten für Leute, die nicht lesen können. (Frank Zappa)

Der Mai liegt im Sterben und AutoCAD Architecture bleibt erst einmal Point of Interest. Das ist zwar nicht ganz so leistungshungrig, aber für den bitmapverseuchten Pixelschubser ist das Programm die Autobahn zwischen Sodom und Gomorrha. Sodom gilt in Bibel und Talmud als der Inbegriff von Fremdenfeindlichkeit und AutoCAD gibt sich alle Mühe, dem Photoshopper zu zeigen, dass er nun in einer anderen Stadt gelandet ist. Ich brauche sechs Tage, um zu begreifen, dass man innerhalb eines Befehls weitere Buttons anklicken und in Zahlenfeldern weitere Parameter verändern kann. Am siebten Tag ruhe ich und frage bei Chong Li nach, ob die Zeit für ein paar Diǎnxué-Übungen reif sei. Die Teilnehmerzahl ist auf zehn gewachsen und nun ist ein Kandidat dabei, dessen sozialverträgliches Frühableben der Rest der Truppe mehr als begrüßen würde. Vermutlich würden sie mir eine Art buntes Verdienstkreuz rendern. Es ist gewiss der Putzigkeit des Seins geschuldet, dass sich sein Name auf würgen reimt. Ich beschließe, eine Kerze für Imi Lichtenfeld anzuzünden, exakt an dem Tage, an dem mir die Sicherung durchbrennt.


Der Bundesverdiensttorus: Jesus, he knows me and he knows I’m right (Genesis)

Die Zehn ist eine bedeutungsvolle Zahl, ein kurzer Blick aufs Dezimalsystem zeigt das mit aller Macht. Ein jüdischer Gottesdienst kann erst stattfinden, wenn sich mindestens zehn Männer zusammengefunden haben. Die Zehn zieht sich wie ein roter Faden von Sodom nach Gomorrha und so sind wir hoch erfreut, dass unsere Klasse auf 12 Apostel Teilnehmer wächst, bevor das Modul AutoCAD erledigt ist. Die Software bleibt mir bis zum Schluss fremd. Die einzige Funktion, die ich vermutlich niemals vergessen werde, nennt sich “Lotrecht”. Der Maurer kennt das, ebenso wie Jud’ und Christ. Lot war Abrahams Neffe und seines Zeichens sowas wie die moralische Instanz in Sodom. Lot hat seine Homebase nicht retten können, wie wir wissen, aber er konnte aus ihr fliehen, bevor der Herr J sie abfackelte. Er schaffte es bis in die Berge um Zoar, dort wurde er von seinen Töchtern vergewaltigt - soviel zum Lotrecht.

Und Lot zog aus Zoar und blieb auf dem Berge mit seinen beiden Töchtern; denn er fürchtete sich, zu Zoar zu bleiben; und blieb also in einer Höhle mit seinen beiden Töchtern. Da sprach die ältere zu der jüngeren: Unser Vater ist alt, und ist kein Mann mehr auf Erden der zu uns eingehen möge nach aller Welt Weise; so komm, laß uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, daß wir Samen von unserm Vater erhalten.
{3 Mose.18,7}

Lots Enkel/Söhne brachten später zwei Völker hervor: die Ammoniter und die Moabiter. Zumindest Berlin Moabit ist noch heute für seine atemberaubende Architektur berühmt. Man kann’s mit ‘ner Runde Inzest offensichtlich weit bringen, die Kreise schließen sich immer wieder.

Nach geschätzten drei Äonen beginnt das Kernmodul: 3ds Max. Wir erfahren, dass wir uns auf eine weitere Teilnehmerin freuen können. Das ist fein, 13 bringt Glück, wir sind ja nicht triskaidekaphobisch. Wenn sie einkehrt, sind wir vollständig und dann bekommen wir eine Einladung der Firma Autodesk und können deren Software gratis herunterladen, um daheim ein wenig zu üben. Mit anderen Worten: wir können AutoCAD eine Woche nach dem das Lehrmodul zu Ende ist, auch zu Hause nutzen. Hallo, Imi …

Der neue Dozent - ebenfalls Architekt - wirkt ein wenig gestresst. Kein Wunder, wir sind die 2. Klasse, das Katastrophenabteil im ICE. Der erste Lehrgang hat nur acht Teilnehmer - vier davon sind Architekten - und die haben geschlagene vier Monate mehr Zeit, den Stoff zu lernen. Sie wandelten vor uns in den Hallen des Bildungsträgers und sie werden noch da sein, wenn wir uns längst auf dem freien Markt um freie Jobs als freie Mitarbeiter prügeln. Auf eine Festanstellung hofft nur, wer seine Restnaivität noch nicht verlebt oder außerordentliche Skills vorzuweisen hat - oder beides. Immerhin 3ds Max entpuppt sich auf den ersten Klick als wirklich gediegen. Ich lerne während der ersten zwei Tage im Unterricht mehr als nach 14 Tagen “try and error” mit der Demo daheim.


Der goldene Shit: wählt man Mental Ray als Renderer, rückt die Software nette Texturen raus, die unter dem rechten Lichte ganz anders aussehen, als vom Hersteller vorgesehen

Leider kreist noch immer alles ums Kernthema Architektur und wie Frank Zappa schon so treffend feststellte: zu Architektur kann man nicht tanzen. Mit anderen Worten, der Inhalt bleibt furztrocken und dabei wird’s bleiben. Aber was soll’s, Goethe sagte einst, Architektur sei “gefrorene Musik”. Nun mag der ein oder andere den ollen Johann als antisemitisches Arschloch in Erinnerung haben, aber dieser Gedanke ist so groß, dass ich einfach weitermachen muss. David Bryne (Talking Heads) meint gar, es gäbe eine Wechselbeziehung zwischen Architektur und Musik. Das ist sehr naheliegend, stellen wir uns kurz die atemberaubende Akustik in einer Kirche vor (Faltungshall anyone!?). Leider glänzen die Gotteshäuser durch die Bank mit grauenhafter Musik zwischen Orgelgequietsche und Gospel-Lala. Und so sieht’s letztendlich auch beim Lehrgang aus. Wie bei einer militärischen Grundausbildung muss man erst durch den Schlamm robben, bevor man an die coolen Kanonen darf. Chong Li, deine Zeit wird kommen.


Zukunftsplanung: wenn ich mal groß bin, scheiß ich jemandem ins Oberstübchen

Wir schreiben Anfang Juli, die Sonne zeigt Einsatz, als sei sie beim Bewerbungstraining und im mit 14 PCs bestückten Klassenzimmerchen gibt es keine Klimaanlage. Als die ersten im Begriff sind, aus den Latschen zu kippen, spendiert die Geschäftsleitung zwei Ventilatoren, die fortan die ca. 36°C warme Luft sachgerecht im Raum verteilen. Meine Gedanken kreisen um abgesägte Schrotflinten und um Fat Man, jene Bombe, die einst Nagasaki besuchte und dem Städtchen zu außerordentlichem Ruhm verhalf - oder um gefrorene Musik …

3D Diary

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