Diary of the dead (1)

Feb 13th 2007

Dead Rising - oder: the Heli has landed

Man wird also auf dem Dach dieser riesigen Mall abgesetzt und hat hernach 72 (Game)Stunden Zeit, um div. Aufträge zu erfüllen. Sechs verschiedene Enden gibt es in Dead Rising, soviel konnte ich im Web erfahren. Hier und da nach Tipps zu suchen, war für mich als Zocker- und Konsolen-N00b überlebenswichtig.

Ein wenig eigenartig ist die Speicherfunktion des Spiels: zwischenspeichern geht nur auf “öffentlichen Toiletten” in der Mall. Wenn einen die Zombies anknabbern - und das passiert dem Ungeübten recht oft - fängt man immer von vorn an. Es sei denn, man hat auf einem Scheißhaus zwischengespeichert. Es hat einige Tode gedauert, bis ich das rausgefunden hatte. Im Waschraum steht dann meist ein Eimer und ein Besen, damit kann man tolle Sachen machen, daher war ich während der ersten 36 Stunden so oft auf dem Lokus wie bei einem amtlichen Dünnschiss.

Der gute Frank West soll während seines Aufenthalts möglichst viele fiese Fotos schießen. Ganz am Anfang des Spiels geht auch gar nix anderes, Gegenstände zum “Eindreschen auf die Untoten” sind noch nicht greifbar. Man trifft während dieses Intros auf einige Protagonisten, die Frank ablichten kann. In diesem riesigen Einkaufszentrum stehen und sitzen allerlei Menschlein herum, einige streiten, einige sind mit den Nerven völlig im Keller und heulen.
Ich erwische mich dabei, wie ich beim Fotografieren eine gewisse Distanz zu diesen Leuten halte. Ich war nie ein guter People-Fotograf und werd’s vermutlich nie sein. Statt dessen achte ich - wie im “richtigen Leben” darauf, dass der Hintergrund halbwegs stimmig ist und die Perspektive etwas hergibt. Zumindest Letzteres hat einen Grund, die “Fotos” sollen irgendwann als Screenshots herhalten.

Irgendwann geht’s dann nach einer kurzen Zwischensequenz los. Eine alte Schachtel will ihren Pudel retten, reisst die verbarrikadierte Eingangstür auf, die Zombies drängen hinein und knabbern die ersten Überlebenden an. That’s really spooky. Mir wird klar, dass man das dem nervenschwachen Deutschen vorenthalten muss.
Zuerst renne ich weg, aber diese Mistviecher sind überall. Ich finde noch keine Gegenstände, die “Frank” als Schlagwaffen umfunktionieren könnte. Ich bin auf Stufe 1, Franks rechter Haken ist noch recht lau. Und so kommt’s wie’s kommen muss: vier oder fünf Untote gehen mir ans Leder und fressen mich an.
Hier hatte ich mehr erwartet, wer die Szene in “Dawn of the Dead” (US-Version!) kennt, als die Zombies den Rocker ausweiden, weiß, was ich meine.

Frank erwacht auf einer grünen Liege. Er alter Mann lächelt ihn freundlich an - Otis. “You saved me?”, fragt Frank staunend. Otis nickt.
Wieder musste das Netz helfen, was es mit Otis auf sich hat.

Nun geht’s in die 2. Runde, ich renne planlos durch div. Räume, bis ich den Kontrollraum - eine Art Sammelpunkt - finde. Draussen im Gang treffe ich Otis wieder, zusammen mit zwei weiteren Überlebenden, die den Eindruck machen, als würden sie den Laden schmeißen. Der Mann sieht exakt aus wie Ving Rhames - “Kenneth” in Zack Snyders Neuverfilmung von DotD.
Es folgt eine weitere Zwischensequenz mit Gesabbel ohne nennenswerten Informationsgehalt und dann geht’s auf Dach. Dort treffe ich den ersten Überlebenden - Jeff.

Jeff ist mit einem Golfschläger bewaffnet und wirkt ein wenig desorientiert (um nicht zu sagen “völlig neben der Spur”). Er sucht offenbar seine Frau. Nun ja, sein Problem. Anstatt ihn die paar Meter zum Kontrollraum zu geleiten (Überlebende retten, ist ja u.a. Sinn des Spiels), beschließe ich, ihn mitzunehmen. Er folgt mir in einen Lastenaufzug, ab geht’s ins Getümmel.
Der Mittfünfziger erweist sich schnell als wehrhafter Kampfgenosse. So manchen Zombie streckt er mit seinem Golfschläger nieder. Schätze, er war damals in Vietnam und hat es Charly so richtig gezeigt. Frank hat nicht ganz soviel Glück, wieder und wieder dient er den Untoten als Grundversorgung. Und jedesmal fängt es mit der Startsequenz im Helikopter an. Zum Glück kann man die mit dem kleinen Startknopf am Controller überspringen, zum Glück finde ich irgendwann die Scheißhäuser im Erdgeschoss.
Nach dem 5. oder 6. Ableben treffe ich Natalie auf dem Dach, Jeffs Alte. Ich drücke ihr einen Baseballschläger in die Hand und sie sagt in entschlossenem Tonfall “I understand”. Kurz darauf treffen wir Jeff und die beiden fallen sich in die Arme und bequatschen irgendwas. Ich… ähm Frank fotografiert diese Szene: “350 Punkte - Drama“. Ich komme mir vor, wie ein gottverdammter Paparazzo!
Mit den beiden im Schlepptau macht das Metzeln Spaß. Sie bieten eine ausgezeichnete Deckung und halten Frank den Rücken frei. Ich muss das Gebäude ja erst einmal erkunden. Ab und an wird’s eng, dann rufen sie “Fräänk, Frääänk!”, aber meist kommen sie allein klar und lichten die Reihen der Untoten. Natalie macht dabei merkwürdige Geräusche, sie schnauft und stöhnt und seufzt unentwegt: “What happens, WHAT happens? I can’t stand it no more!”
Wie sie das sagt, ist zum Brüllen komisch und so ist es ein Jammer, als Natalie stirbt und zur Wiedergängerin mutiert. Bei der erstbesten Gelegenheit läuft Jeff seinem nunmehr zombifizierten Weib in die Arme. Ohne zu zögern brät er ihr eins mit dem Golfschläger über, das war’s, Natalie ist Geschichte. Ich nehme an, ihre Ehe war ziemlich im Arsch - oder der Kerl ist einfach ein ausgekochter Drecksack.

Jeff wird im Laufe des Spiels zusehends unzuverlässiger. Oft bleibt er irgendwo stehen oder stellt sich gar in den Weg, so dass ich nicht umhin komme, ihm ein paar reinzuhauen. Er quittiert das mit Beschimpfungen: “Jerk!!” flucht er. Ab und zu schlägt er sogar zurück. Blöde Sau! Das geht eine Weile so, bis irgendwann in großen Lettern “Jeff Dingens gegen Frank West” auf dem Bildschirm steht - und dann geht dieses Arschloch auf mich los. Mittlerweile auf Stufe 7 zieht Jeff beim großen Vergleichstest “Golf- gegen Baseballschläger” den Kürzeren. Seitdem heißt es für Frank “You’ll ever walk alone”.
Mehrmals nehme ich mir vor, Frank als das zu sehen, was er ist - eine Spielfigur - und mehr zu riskieren. Aber auch nach zwei Tagen hält sich die Risikofreudigkeit in Grenzen und das Schema “Lokus/speichern, Zombies killen, Nahrung suchen (um den Lebensquotienten aufzufüllen)” pendelt sich ein. Ich versuche ständig zu verhindern, das arme Schwein unnötig in Gefahr zu bringen. Aber immerhin, nach einer gewissen Zeit kenne ich die Läden auswenig und kann das Zerstörungspotenzial der Gegenstände einschätzen. Es gibt im Erdgeschoss einen Gitarrenladen, man kann sich eine “Flying V” oder einen E-Bass schnappen und damit auf die Gemeinde eindreschen. Der arme Frank fällt dabei fast auf die Schnauze, so gut wurden die physikalischen Gesetze im Spiel umgesetzt. Ich habe nun 1200 Zombies erledigt und dabei ca. 10% des Spiels “erfahren”. Ich bin beeindruckt!

Wer den amerikanischen Humor mag, Horrorfilmen etwas abgewinnen kann, aber reine Shooter zu eintönig findet, wird sich in Dead Rising zu Hause fühlen. Sicher, das Spiel ist bisweilen recht brutal, aber das ist die schwarz-rote Politik in unserem bedauernswerten Land auch. Dead Rising kann man zu Gute halten, dass der Horror stets mit einem Augenzwinkern serviert wird. Das Spiel verhält sich im Vergleich zur Bundesregierung daher geradezu human. Nichts desto trotz, hängt im zombiefeindlichen Deutschland ein Antrag auf bundesweite Beschlagnahmung an. Ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass unser Gesetzgeber außer Zwangsmaßnahmen nichts zu bieten hat. Nun ja, vielleicht können wir irgendwann über diese armseligen Stümper lachen - über Hitler werden inzwischen auch Witzfilmchen gedreht - das ist alles eine Frage der Zeit.
Die “Katholische Filmkommission für Deutschland” nannte Dawn of the Dead 1979 einen Ekelerregenden naturalistischen Horrorfilm und brachte es allen Ernstes fertig, eine “Herrenmenschenideologie” hinein zu interpretieren. Nachdem der Film die Kinokassen klingeln lies, wie kaum ein Gruselfilm zuvor, in den Staaten im Museum of Modern Art einen Ehrenplatz bekam und selbst in Deutschland von 3 Millionen in den Kinos gesehen wurde, ruderte man zurück. 1997 hies es:

„Perfekt inszenierter Schocker von George A. Romero, der die Motive seines Überraschungserfolgs Die Nacht der lebenden Toten (1968) aufgreift und zum grellen Horrorspektakel ausbaut. Die naturalistische Kraßheit der Inszenierung attackiert bewußt die Übelkeitsschwelle des Zuschauers; durch raffinierte Publikumslenkung erreicht Romero ein Höchstmaß an Suggestion und Irritation. Nebenbei läßt der Film durchblicken, daß er als Metapher für die selbstzerstörerische Konsumgesellschaft gedacht sei. Der Film ist Anlaß und Vorbild für eine Reihe billiger Zombie-Plagiate.“

Man ist zwar enorm realitätsresistent im verschnarchten Deppenland, aber man ist in der Lage, innerhalb von zwei Jahrzehnten seine Standpunkte zu überdenken. Das lässt mich hoffen, dass wir auch hier im Entwicklungsland noch irgendwann den Anschluss schaffen.

Spieltrieb

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